Alexander der Große (Pierre Briant)

Kategorie: Archiv

Do., 18. Mai, 19:30 Uhr

„Der Sitz der Herrschaft ist nun erstmal in Europa“: So fasste in den Jahren 1767 und 1787 Johann Christoph Gatterer den historischen Sinn zusammen, den er der makedonischen Eroberung des Orients zu unterlegen trachtete. Ähnlich lehrte es Barthold Georg Niebuhr 1829-1830 in seinem Seminar an der Universität Bonn. Wie sein Zeitgenosse Arnold Heeren in Göttingen sah er in den Siegen von Alexander den Beginn eines historischen Automatismus, der in die „Herrschaft Europas über Asien“ münden sollte.
Solche Urteile sind umso bemerkenswerter, weil sie von Historikern stammen (Gatterer, Niebuhr), die der makedonischen Eroberung und ihrem Anführer eigentlich kritisch gegenüberstanden. Sie krönten eine europäische Erzählung, die sich im 18. Jahrhundert, die Analysen Voltaires und Montesquieus aufgreifend, entwickelte. Deren Alexanderbild wurde in Schottland und England von Historikern rezipiert und bekräftigt, namentlich von William Robertson, John Gillies und William Vincent. Eng verknüpft mit dem historischen Kontext des 18. Jahrhunderts und dem Bewusstsein, dass Europa eng mit dem Rest der Welt verflochten ist, machte dieses neue Alexanderbild aus dem makedonischen Eroberer Präzedenzfall und Vorbild für die globale Expansion der europäischen Mächte auf Kosten des „despotischen und dekadenten Asien.“ So haben die Werke von Historikern und Philosophen des langen 18. Jahrhunderts in der longue durée den europäischen Orientalismus geprägt, mit Fernwirkungen bis heute.briant

Pierre Briant ist Althistoriker und als Professor am Collège de France in Paris tätig.  Er gilt als einer der führenden Experten für das altpersische Reich und seine Beziehungen zu den Griechen. Sein Werk »Histoire de l’Empire Perse« (in durchgesehener engl. Übersetzung »From Cyrus to Alexander«) ist derzeit international das wichtigste Standardwerk zur achaimenidischen Geschichte.