Flimmern des Herzens. Prousts Urfassung von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (Stefan Zweifel)

Kategorie: Aktuelles // Ringvorlesung

Mo., 28, Mai, 10:00 Uhr BIS-Saal

Hundert Jahre lang schlummerten die Druckfahnen zum Jahrhundertroman »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« in einer Privatsammlung. Nun wurde das Geheimnis gelüftet: Im letzten Moment änderte Marcel Proust auf den druckfertigen Fahnen rund ein Viertel von „Combray“. Die kühne Edition von Stefan Zweifel warf im Feuilleton hohe Wellen von Zustimmung und Kritik.
Kein Werk der Weltliteratur erkundet so kaleidoskopisch das Innenleben des Ichs wie dieser Auftakt zu Prousts Hauptwerk. Schon 1908 hatte er sich von seinem sozialen „Ich“ verabschiedet und hoffte: Das Buch, das ihm vorschwebe könne nicht er selber schreiben, sondern „nur jener Junge, der zwischen mir in Ruinen spielt“. Auf den Druckfahnen wird dieser Vorgang ebenso deutlich wie in den Dutzend Versionen der berühmten Madeleine-Szene, die nun zum ersten Mal übersetzt vorliegen. Was mit dem „Zwieback“ des „Grossvaters“ als harmlose Szene der Erinnerung beginnt, weitet sich zum Inbild des modernen Ichs in all seiner Raum-Zeit-Tiefe.

Dr phil. Stefan Zweifel übersetzte »Justine & Juliette« von D.A.F. Marquis de Sade (zusammen mit Michael Pfister), J.J. Rousseaus »Träumereien« und zuletzt Prousts Druckfahnen »Das Flimmern des Herzens« (Die Andere Bibliothek). Er kuratierte mit Juri Steiner die Ausstellungen »Dada Universal«, »1900-1914: Expedition ins Glück« und »Imagine 68 – Das Spektakel der Revolution«, die im Schweizer Landesmuseum ab September 2018 gezeigt wird. Er war von 2007-2014 Kritiker und Moderator im Literaturclub am Schweizer Fernsehen und erhielt den Berliner Kritikerpreis (2009) und den Zürcher Preis für kulturelle Vermittlung 2017.