Lesezirkel

Kategorie: Aktuelles // Lesezirkel

Nächster Termin: Do., 15. Juni, 18:00 Uhr

Der Jaspers-Lesezirkel findet sich etwa alle vier Wochen im Jaspers-Haus zusammen. Er widmet sich in Gesprächen Denkern, die für Karl Jaspers wichtig waren, um den Menschen in der Moderne zu verstehen. Nach Max Weber, Friedrich Nietzsche, Sören Kierkegaard und Hartmut Lange lag der Fokus zuletzt auf Albert Camus, von welchem abschließend politische Schriften aus »Fragen der Zeit« besprochen wurden.

Mit Hannah Arendt (1906-1975) widmen wir uns einer politisch hoch engagierten Philosophin. Bei der nächsten Sitzung am Do., den 15. Juni um 18:00 Uhr werden wir die Lektüreeinheit fortsetzen mit dem zweiten Teil von:

»Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik«
vom Kapitel „Assimilation“ (1807-1808) bis Ende

 

Die Meisterschülerin von Karl Jaspers, mit dem sie bis zu dessen arendtTod freundschaftlich verbunden war und bei dem sie 1928 mit der  Arbeit »Der Liebesbegriff bei Augustin« promoviert wurde, flüchtete 1933 nach Paris. Dort vollendete sie ihr erstes Haupwerk über Rahel Varnhagen.
Nach ihrer Emigration 1941 über Lissabon nach New York, wo sie bald zum Kreis der führenden Intellektuellen gehörte, die das geistige Leben der Stadt und der Ostküste prägten. Dort entstanden »Elemente und Urspünge totaler Herrschaft« und »Über die Revolution«, worin sie die wachsende Entfremdung des Individuums in der Massengesellschaft analysiert und hervorhebt,

„daß keiner glücklich genannt werden kann, der nicht an öffentlichen Angelegenheiten teilnimmt, daß niemand frei ist, der nicht aus Erfahrung weiß, was öffentliche Freiheit ist, und daß niemand frei oder glücklich ist, der keine Macht hat, nämlich keinen Anteil an öffentlicher Macht“.

 

Es folgt ein chronologischer Überblick über bisherige Themen und Texte.

I.

Zuerst stand bis zum Dezember 2014 der Soziologe Max Weber (1864-1920) zur Debatte. In vier Treffen wurden die Texte „Wissenschaft als Beruf”, „Politik als Beruf“ sowie „Die protestantische Ethik und der ‚Geist’ des Kapitalismus” gelesen. Anlässlich von Webers 150. Geburtstag in diesem Jahr hatte schon das 5. Karl-Jaspers-Symposion (17./18. Okt. 2014) in der Karl-JG. 1. Max Weberaspers-Klinik zum Thema „Psychosoziale Horizonte in der Psychiatrie – Max Weber und Karl Jaspers”, es folgte außerdem im Dezember eine international besetzte Max Weber-Tagung, die unter anderem im Karl Jaspers-Haus stattfand.

Jaspers hatte Weber 1910 als Volontärassistent an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg kennen gelernt und alsbald auch an dessen sonntäglichen Zusammenkünften Intellektueller teilgenommen. Weber hatte sowohl großen Einfluss auf Jaspers’ methodischen und akademischen Anfänge als auch auf dessen spätere Philosophie der Existenz. Jaspers übernahm religiöse und ethische Begriffe und Phänomene wie Entscheidung, Gewissen oder Verantwortung, außerdem Heiligung, Askese, Mystik und Ekstase – Begriffe, die Weber in säkularisierenden Bedingungen der Moderne untersuchte.

II.

Im ersten Halbjahr 2015 lasen und besprachen wir Friedrich Nietzsche (1844-1900). Sein psychologisch-philosophisches Werk hatte für Jaspers eine immense Bedeutung, seitdem er die „AllgemeiNietzschene Psychopathologie” (1913) schrieb. Aber auch die spätere Philosophie mit dem Zentrum der „Existenzerhellung“ ist ohne das lebensphilosophische Denken Nietzsches nicht vorstellbar. So heißt es:

„Philosophieren mit Nietzsche bedeutet ein ständiges sich gegen ihn Behaupten. In dem Feuer seines Denkens kann sich das eigene Dasein, geprüft durch die grenzenlose Redlichkeit und Gefahr Nietzscheschen Infragestellens, läutern zum Innewerden eigentlichen Selbstseins.“
(Karl Jaspers)

Der Lesezirkel widmete sich vor allem ausgewählten, frühen Schriften. Wir begannen mit der zweiten „Unzeitgemässen Betrachtung. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“; darauf folgten „Schopenhauer als Erzieher“ und Auszüge aus dem ersten aphoristisch geprägten „Menschliches, Allzumenschliches“, bevor wir abschließend Ausschnitte aus der posthum veröffentlichten Autobiographie „Ecce homo“ lasen.

Im Juli sprachen Prof. Michael Steinmann (New York), ein Kenner Nietzsches, im Jaspers-Haus über Nietzsches Affinität zu religiösen Fragen; und zum Abschluss der Lektüren gab Dr. Rüdiger Schmidt-Grépály, der Leiter des Kolleg Friedrich Nietzsche (Stiftung Weimarer Klassik) Einblicke zur Wirkungsgeschichte Nietzsches, wie sie sich mit dem Ort Weimar verbindet. Dort waren einige Mitglieder des Lesezirkels im Juli auch zu Gast an einem Vortragswochenende, das vom Kolleg veranstaltet wurde.

III.

Als zweiter großer, philosophisch verstehender Psychologe des 19. Jahrhunderts wurde Sören Kierkegaard (1813-1855) für das Denken von Jaspers entscheidend. Im April des Jahres gab Prof. Bärbel Frischmann von der Universität Erfurt unter dem Titel „Angst in der Philosophie Sören Kierkegaard“ im Jasper-Haus schon einen ersten Eindruck seines Denkens.
In den vier Abenden zu Kierkegaard steht eine Auswahl aus seinen Tagebüchern im Zentrum, in denen Kierkegaard sich gesellschafts- und kulturkritischen Themen widmet. Abschließend werden wir auch den religiösen Denker Kierkegaard in den Blick nehmen und repräsentative Textstücke gemeinsam besprechen.
Für die Tagebücher bietet sich die hervorragende Ausgabe an, die Tim Hagemann für die Andere Bibliothek unter dem Titel „Geheime Papiere“ besorgte. Der 2004 erschienene Band ist lediglich noch antiquarisch erhältlich.

IV.

Wollte man den erkenntnistheoretischen Standpunkt, der Hartmut Langes (geb. 1937) Prosawerk zugrunde liegt, auf eine Formel bringen, müsste sie Gewißheit der Lange__Hartmut_kleinUngewißheit lauten. Seine Novellen lassen sich lesen als Epiphanien des nihilistischen Zwielichts. Seine an Kafka und Kleist geschulte Erzählkunst vermag Atmosphären heraufzubeschwören, in denen sich die existentielle Angst des mit Bewußtsein geschlagenen Erdenkinds vor der Vergänglichkeit und dem Verschwinden gleichzeitig verbirgt und enthüllt. Für den Autor, der sich in seiner Künstlerschaft an die paradoxe Devise „Im freien Fall zur Ruhe kommen“ hält, ist Schreiben immer auch ein Anschreiben gegen die eigene metaphysische Ratlosigkeit.
Dem ging der Lesezirkel nach mit der Lektüre von »Irrtum als Erkenntnis. Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller« (2002) sowie dem »Tagebuch eines Melancholikers« (1983).

Im Mai 2016 gab es außerdem die Möglichkeit, Hartmut Lange selbst im Karl Jaspers-Haus zu erleben. Im Mittelpunkt des Abend stand Langes Kurznovelle »Seidel« von 1984, die ein eindrucksvolles Zeugnis von Langes poetischem Vermögen ist, innerpsychische Zustände des Einzelnen landschaftlich und szenisch zu veranschaulichen.

V.

camusDer im heutigen Algerien geborene Albert Camus (1913-1960) ist einer der bekanntesten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Der Schritsteller und Philosoph des Existentialismus bekam 1957 für sein publizistisches Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur.
In seinen Hauptwerken verhandelt er mit dem „Absurden“ immer wieder das sinnlose und unerklärbare Leiden des Menschen. In Anlehnung an Nietzsche propagiert er dabei einen auf sich selbst gestellten, aktiven Menschen. Dieser entwickelt unabhängig von Gott ein Bewusstsein neuer Möglichkeiten zur Schicksalüberwindung, des Widerspruchs und der inneren Revolte.

Ein Abschnitt aus »Der Mensch in der Revolte« eröffnet die Festschrift »Offener Horizont« zu Karl Jaspers‘ 70. Geburtstag. Ähnlich wie dieser verteidigt Camus die Freiheit eines eigenverantwortlichen Menschen, welche jedoch „in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten“ bestehe.
Im Lesezirkel standen dann auch nach dem Mythos von Sisyphos »Der Mensch in der Revolte« und »Die Pest« im Fokus, nachdem die Camus-Biographin im Januar 2017 im Karl Jaspers-Haus wichtige Konturen der Biographie des Schriftstellers und Denkers sowie dessen „Ideal der Einfachheit“ deutlich machen konnte.