Umkämpftes Nachleben. Walter Benjamins Archive (Robert Pursche)
Kategorie: Aktuelles // Allgemein
Mi., 14. Januar 2026, 19:30 Uhr
Buchvorstellung mit dem Autor und Stefan Müller-Doohm (Oldenburg)
Es ist nicht selbstverständlich, ein Nachleben zu haben, selbst für Leute, die schon zu Lebzeiten für Genies gehalten wurden. Dass uns Walter Benjamins Texte heute in unzähligen Editionen vorliegen und dass die Sekundärliteratur über sein Werk seit Jahrzehnten unüberschaubar ist, verdankt sich vielen Menschen, die unermüdlich dafür gearbeitet haben. Daran waren Geistesgrößen wie Hannah Arendt, Gershom Scholem oder das Ehepaar Theodor W. und Gretel Adorno beteiligt, aber auch Schattengestalten der Intellektuellengeschichte wie Archivare, Sekretärinnen, Verlagsmitarbeiterinnen oder Philologen wie Rolf Tiedemann und Gerhard Seidel.

© Wallstein Verlag
Diese Rettungsaktion geschah jedoch nicht im Gleichklang der Handelnden, im Gegenteil. Persönliche und politische Aversionen im Zeitalter des Kalten Krieges prägten nicht nur die weithin bekannten Deutungskämpfe um Benjamins Marxismus, sondern schon den Zugang zum philologischen Rohstoff, Benjamins Archive. Nach seinem Selbstmord im Jahre 1940 waren diese zerstreut, Teile befanden sich zeitweise in den USA, der Sowjetunion, in Paris, Frankfurt am Main, Jerusalem, Potsdam und Ostberlin. Unveröffentlichte Manuskripte, seltene Drucke und andere Nachlassdokumente wurden so seit den 1950er Jahren zur Verhandlungsmasse zwischen Verlagen und Archiven in der Bundesrepublik und der DDR.
Trotzdem Benjamins Nachleben als „säkulare Wundererzählung“ (Wolfgang Matz) verstanden werden kann, bleibt sie fragil und unvollständig. Immer wieder tauchen neue Dokumente auf, doch es bleiben Lücken, Ahnungen, Vermutungen, Rätsel, nicht zuletzt um die legendäre, Fragment gebliebene „Passagenarbeit“. Wie Benjamin posthum zur intellektuellen Ikone wurde und warum dieses ‚Wunder‘ ausgerechnet in einem Kinderbuch vielleicht seinen treffendsten Ausdruck fand, darüber spricht Robert Pursche in seinem Vortrag, der zugleich sein Buch „Umkämpftes Nachleben. Walter Benjamins Archive 1940-1990“ (Wallstein, 2024) vorstellen soll, moderiert von dem Soziologen Stefan Müller-Doohm.

Robert Pursche ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Tübingen. Er promovierte 2022 an der Universität Basel mit eben jener Arbeit über Walter Benjamins Archive. Neben der Intellektuellengeschichte gehören zu seinen neueren Forschungsschwerpunkten die Umwelt- und Wissensgeschichte im Zeitalter des Imperialismus.