Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise 1958 (Martin Hallmannsecker)
Kategorie: Aktuelles // Allgemein
Do., 25. Juni 2026, 19:30 Uhr
Im Jahr 1958 reist der weltberühmte Autor von „Christus kam nur bis Eboli“ nach Deutschland. Von Mussolinis Regierung war er verhaftet, verbannt und später ins Exil getrieben worden. Nun sieht er von München bis Berlin wundersam wiederaufgebaute Städte – und dahinter das Schweigen, die Verdrängungen und die Verwüstungen der Vergangenheit.
Levi lässt sich durch Münchner Nachtlokale treiben und spricht mit schlesischen Vertriebenen, die in den Baracken des KZ Dachau wohnen. Von Augsburg über Ulm bis Tübingen begegnet er der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter und befragt sie im Spiegel der jüngsten Geschehnisse.


Der Schriftsteller streift durch die beiden Hälften des geteilten Berlin, die „mitleiderregenden Schwestern der inneren Unfreiheit“. Im Pergamonmuseum wird er Zeuge der Rückkehr von Kunstwerken, die während des Kriegs nach Moskau verbracht wurden. Mit seinem ethnographischen Röntgenblick schaut Levi in die menschlichen Abgründe von Nachkriegsdeutschland und horcht in die „hohle Stille aus Fragen und Erschütterung“.
Sein sprachmächtiger Reisebericht, der sich nie zur Anklage erhebt, besticht durch seinen feinen, warmherzigen Ton. Er ist ein eindrucksvolles Zeugnis von den Spuren einer gewalttätigen Geschichte in einem ganzen Land.
Der renommierte Übersetzer, selbst Lektor im C.H. Beck Verlag, stellt den Reisebericht im Gespräch mit dem Althistoriker Michael Sommer kurz vor. Anschließend wird er aus der im August erscheinenden Neuausgabe von „Christus kam nur bis Eboli“ lesen und mit Sommer auch über das Buch und die schöne Kunst des Übersetzens sprechen.
In Martin Hallmannseckers Worten liest sich diese große literarische Ethnografie des italienischen Südens so frisch, als wäre sie von einer dicken Staubschicht befreit worden.
Wir sind keine Christen, sagen die Leute, Christus kam nur bis Eboli. In diese Gegend, wo die Straße und die Bahngleise die Küste von Salerno und das Meer hinter sich lassen und in die gottverlassenen Landstriche Lukaniens führen, kommt im Sommer 1935 der Turiner Arzt und Künstler Carlo Levi. Hierher hat Mussolinis Regime ihn wegen seiner antifaschistischen Aktivitäten verbannt.
Empathisch begegnet Levi dem entbehrungsreichen Leben der Bauern im Mezzogiorno, er lernt ihren Alltag und ihre Sorgen ebenso kennen wie ihre magischen Bräuche und uralten Traditionen. Mit dem Auge des Malers erkundet er die karge Schönheit der Landschaft, die steilen weißen Lehmhänge, an denen die Häuser wie in der Luft zu schweben scheinen.

Der an der University of Oxford promovierte Althistoriker Martin Hallmannsecker ist seit 2016 auch als Übersetzer aus dem Italienischen und Englischen tätig.
Bislang hat er Werke von Giovanni Boccaccio, Luigi Pirandello, Carlo Levi, Pier Paolo Pasolini, Domenico Starnone u. a. ins Deutsche übertragen.
2017 erhielt er den Nachwuchsförderpreis des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises. Seit 2024 ist er Lektor im Verlag C.H.Beck.