Aufklärung und Unabhängigkeit: 250 Jahre ‚Declaration of Independence‘ (Hannes Kerber)
Kategorie: Junge Philosophie
Do., 2. Juli 2026, 19:30 Uhr
Am 4. Juli 1776 erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone. Die Declaration of Independence ist, was Sprachwissenschaftler einen „Sprechakt“ nennen: eine Handlung, die durch Sprache Wirklichkeit schafft. Noch 250 Jahre später – inmitten einer Krise der amerikanischen Demokratie – ist die Unabhängigkeitserklärung kein ruhendes Dokument, sondern ein akut umstrittener Text.
Der Vortrag verortet die Declaration in der Ideengeschichte der Aufklärung und verfolgt, wie nachfolgende Generationen ihren Text neu gelesen, für sich reklamiert und immer wieder neu politisch in Stellung gebracht haben. Elizabeth Cady Stanton setzte ihn 1848 rhetorisch geschickt ein, um für Frauenrechte zu plädieren. 1852 warf Frederick Douglass der Nation Heuchelei vor: „Was geht einen Sklaven der 4. Juli an?“. Lincoln machte die Declaration of Independence auf dem Höhepunkt des Amerikanischen Bürgerkriegs zur unvollendeten „Proposition“. Calvin Coolidge beschwor 1926, auf dem Höhepunkt der Roaring Twenties, die „ewigen Wahrheiten“ als unveränderbaren Kernbestand des amerikanischen Traums. Martin Luther King knüpfte 1963 seinen eigenen „Traum“ an das immer noch uneingelöste Versprechen der Declaration. Und der konservative Supreme-Court-Richter Clarence Thomas deutete den Text der Unabhängigkeitserklärung im April 2026 als Waffe, mit deren Hilfe der „Progressivismus“ bekämpft und Amerika wieder auf Kurs gebracht werden kann.
Was zeigt sich in 250 Jahren immer wieder neuer Relektüren? Dass die Declaration of Independence ihre Kraft aus einer fundamentalen Spannung bezieht: zwischen universaler Sprache und historischer Exklusivität. Die Unabhängigkeitserklärung wird ständig neu interpretiert, weil jede Generation sie nutzt, um sich über die Gegenwart und mögliche Zukunft der amerikanischen Idee zu orientieren.
An den Vortrag schließt sich am Freitag, den 3. Juli, von 10-14 Uhr ein Workshop an. Interessierte können auf Anfrage Textmaterial erhalten.
Hannes Kerber ist Professor für Politische Philosophie am Boston College und Fellow des Clough Center for the Study of Constitutional Government. Er lehrte und forschte an der Universität München, der Harvard University und der Università degli Studi di Modena e Reggio Emilia. Sein erstes Buch, Die Aufklärung der Aufklärung: Lessing und die Herausforderung des Christentums, ist bei Wallstein erschienen.
