Thomas Mann – Poeta politicus? Ein kulturphilosophischer Workshop.
Kategorie: Aktuelles // Workshop
Fr., 10. Juli 2026, 10:00-16:00 Uhr
10.00 Uhr: Glück und Gerechtigkeit bei Thomas Mann. Betrachtungen zum novellistischen Frühwerk. Reinhard Mehring (Heidelberg)
11.30 Uhr: Kaffeepause
12.00 Uhr: Anatomie und Eros. Eine Zauberberg-Lektüre. Domenico Conte (Neapel)
13.30 Uhr: Lunchpause
14.30 Uhr: Betrachtungen eines Unpolitischen kontrovers. Ein kulturphilosophisches Podium mit Dieter Borchmeyer, Reinhard Mehring und Domenico Conte. Moderiert von Matthias Bormuth

Zu den Vorträgen und Vortragenden
Glück und Gerechtigkeit bei Thomas Mann. Betrachtungen zum novellistischen Frühwerk
Reinhard Mehring (Heidelberg)
Der Germanist, Philosoph und Politikwissenschaftler liest Thomas Manns Gesamtwerk, analog Hans Castorps „genialem Weg“, als normativen Orientierungsversuch und Problemgeschichte. Ihm liegt an der literarischen Erkundung, von ethisch-anthropologischen Möglichkeiten und historisch-politischen Bedingungen gelingenden Lebens im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mehrings Vortrag erörtert besonders das novellistische Frühwerk.

Reinhard Mehring war Professor für Politikwissenschaft und deren Didaktik an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. Er publizierte zahlreiche Bücher, u.a. zu Thomas Mann, Martin Heidegger und zu Carl Schmitt; zudem erschienen Editionen zur deutsch-jüdischen Geistesgeschichte und zu Briefwechseln Carl Schmitts.
Anatomie und Eros. Eine Zauberberg-Lektüre
Domenico Conte (Neapel)
Der Thomas Mann-Forscher stellt die große Bedeutung, die Körper im Zauberberg besitzen, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Denn um die Körper werden ideologische, medizinisch-gesundheitliche und erotische Kämpfe ausgetragen. Die Protagonisten des Romans – Hans Castorp, Luigi Settembrini, Leo Naphta, Mynheer Peeperkorn – vertreten unterschiedliche Vorstellungen vom und Haltungen zum menschlichen Körper. So schildert Thomas Mann seinem Publikum Castorps Verliebtheit in Körper über Settembrinis humanistische Überlegungen bis hin zu Naphtas Askese vom Körperlichen und Peeperkorns sexuelle Impotenz. Besonders aufschlussreich zum Thema sind die Dialoge, die Hans Castorp als Protagonist des Romans mit dem Arzt Hofrat Behrens führt. In diesen thematisiert Thomas Mann eines der großen Geheimnisse der menschlichen Existenz: Wie ist es möglich, dass wir mit anatomisch genau definierten Körperteilen erotische Wirkungen verbinden? Anders gesagt: Warum küsst man hingebungsvoll die Arteria femoralis?
Domenico Conte ist Professor Emeritus für Philosophiegeschichte an der Universität Neapel. Er ist leitend in der neapolitanischen Akademie der Wissenschaften und Künste tätig und forscht als Kulturphilosoph in der Tradition von Benedetto Croce, wobei seine Publikationen über Thomas Mann bis in die allerjüngste Zeit herausragende Bedeutung besitzen.


Dieter Borchmeyer ist Emeritus für Neuere Deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg, wo er bis heute die Stiftungsdozentur „Heidelberger Vorträge zur Kulturtheorie“ vertritt. Er war unter anderem Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie Stiftungsratsvorsitzender der Ernst von Siemens Musikstiftung. Seine Publikationen gelten der klassischen deutschen Literatur seit Goethe bis zu Thomas Mann und konzentrieren sich musiktheoretisch um Richard Wagner.