Das abgesonderte Ich: Herman Melville zwischen Moby Dick und Nahem Osten

Kategorie: Aktuelles // Allgemein

Di., 04. Oktober, 19:30 Uhr

Die meisten Leser kennen Herman Melville als Autor des Moby-Dick, jenes Walbullen im Karpfenteich der Romanliteratur. So ein Buch ist nicht das Ergebnis eines genialen Einfalls, der in einsamer Schreibtischarbeit ausgetüftelt und ausgepinselt wird. Dieses abenteuerliche Buch handelt auch nicht nur vom Rachefeldzug des diktatorischen Kapitäns Ahab, sondern zugleich vom Abenteuer des Lesens und Weltdeutens. Es hatte viele Voraussetzungen: Melvilles jahrelange Erfahrung als Walfänger, seine faszinierte Lektüre Shakespeares und seine Freundschaft mit Nathaniel Hawthorne, dem älteren Schriftstellerkollegen. Als der Moby-Dick entstand, lebten beide Autoren nur wenige Meilen voneinander entfernt im hügeligen Westen von Massachusetts. Sie besuchten und schrieben sich oft. Hawthornes Briefe sind nicht erhalten; die seines jüngeren Freundes gehören zu den fesselndsten Beispielen spekulativer, privater Prosa in Nordamerika. Mit ausgiebigen Auszügen aus Melvilles Briefen und Hawthornes Notizen skizziert der Vortrag ein Porträt des jüngeren Herman Melville in der Gärung seiner wichtigsten Schaffensphase, vom Weg zum Moby-Dick im Sommer 1850 bis zur seiner einsamen Reise in den Nahen Osten im Winter 1856.

Daniel Göske, geboren 1960 in Lüneburg, gebildet in Göttingen, Canterbury (UK), Penn State und Princeton (USA), lehrt seit 2001 Literaturwissenschaft und Amerikanistik an der Universität Kassel. Er hat aus dem Englischen übersetzt (u.a. Conrad, Melville, Walcott) und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie Präsident der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.